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Die unsichtbare Belastung: Warum Emotionsarbeit in der Pflege Anerkennung braucht

Wenn Sie sich für eine Qualifizierung im Pflegebereich interessieren, ziehen Sie einen der sinnstiftendsten und gesellschaftlich wichtigsten Berufe in Betracht. Sie werden dort gebraucht, wo es um Fürsorge, Heilung und Menschlichkeit geht. Doch neben dem Verabreichen von Medikamenten, dem Versorgen von Wunden und dem Dokumentieren von Behandlungen gibt es eine zentrale, oft unsichtbare Komponente dieser Arbeit, die von entscheidender Bedeutung für Ihre mentale Gesundheit und Ihre langfristige Berufszufriedenheit sein wird: die Emotionsarbeit, auch als „Emotional Labor” bezeichnet.

Dieses Konzept, das die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild in ihrem bahnbrechenden Buch „The Managed Heart” von 1983 entwickelte, beleuchtet Tätigkeiten, bei denen Arbeitgebende vorschreiben, welche Gefühle gezeigt und welche unterdrückt werden müssen. Für Personen, die sich für eine Tätigkeit in der Pflege entscheiden, ist das Verständnis dieses Mechanismus unerlässlich, um die realen Herausforderungen des Alltags nicht nur körperlich, sondern auch emotional bewältigen zu können.

Die Theorie, die das Unsichtbare sichtbar macht

Hochschilds akademische Arbeit an der Universität Berkeley beschäftigte sich stets mit Themen der sozialen Gerechtigkeit. Ihre Theorie der Emotionsarbeit entstand aus einer Kindheitserinnerung an diplomatische Dinner, bei denen die Mienen der hochrangigen Gäste stets gleich freundlich erschienen. Erst als die Gäste weg waren, begannen ihre Eltern, jede kleine Regung in diesen diplomatischen Gesichtern zu interpretieren. Jahre später erkannte Hochschild, dass das Erfordernis, bestimmte Gefühle zu zeigen und andere zu verbergen, nicht nur im Privatleben, sondern vor allem in der Arbeitswelt zu einem vertraglich geregelten Bestandteil der Leistung wurde.

Emotional Labor erkennt man laut Hochschild an drei wesentlichen Aspekten, die auch in der Pflege zentral sind. Erstens geht es um Arbeit mit Kontakt zur Öffentlichkeit. Pflegefachpersonen arbeiten ständig mit Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Kolleginnen zusammen. Sie wissen vorher nicht, welchen emotionalen Herausforderungen sie in den einzelnen Interaktionen begegnen werden.

Zweitens hat die emotionale Arbeit das Ziel, bei den Gegenübern bestimmte Gefühle auszulösen. In der Pflege bedeutet dies, Patientinnen und Patienten ein sicheres und geborgenes Gefühl zu vermitteln, auch in stressigen oder schmerzhaften Situationen, beispielsweise durch eine ruhige Stimme und ein nettes Lächeln. Drittens werden Emotionen durch Schulungen oder Bewertungssysteme kontrolliert oder zumindest standardisiert.

Die Tiefen der emotionalen Darstellung

Ein weiterer wichtiger Unterschied, den Hochschild aus der Schauspielkunst ableitet, ist der zwischen „Surface Acting” und „Deep Acting”. Surface Acting ist ein aufgesetztes Verhalten, ein schnelles, künstliches Lächeln, das ein Signal setzen soll: „Ich bin freundlich und unkompliziert”. Es ist nicht darauf ausgelegt, glaubhaft zu wirken, sondern eine äußere Konformität zu signalisieren.

Deep Acting hingegen erfordert einen viel tieferen Eingriff in den eigenen emotionalen Zustand, oft das sprichwörtliche „Weinen auf Knopfdruck”. Um „ehrlich” zu lächeln, also mit strahlenden Augen, die Authentizität vermitteln sollen, wird man angehalten, sich an Momente tiefster Freude zu erinnern, beispielsweise an Weihnachten als Fünfjährige oder Fünfjähriger.

Diese Technik des Deep Acting wurde Hochschilds untersuchten Flugbegleiterinnen in den 1980er Jahren von Schauspiellehrerinnen beigebracht. Ihnen wurde sogar nahegelegt, sich schwierige oder unhöfliche Fluggäste einfach als Kinder vorzustellen, die es „halt nicht besser wissen”, um stets fürsorglich und wohlwollend bleiben zu können.

Übertragen auf die Pflege bedeutet dies, dass Fachpersonen dazu angehalten sein können, auch dann tief empfundene Fürsorge zu zeigen, wenn die Umstände, etwa Schlafmangel, Frustration über das System oder der Tod eines geliebten Menschen, dies innerlich kaum zulassen. Hierbei findet eine Umprogrammierung des eigentlich sehr intimen Interpretationsprozesses von Gefühlen statt, in den der Arbeitgeber bewusst eingreift.

Die harten Fakten der Pflegepraxis

Wenn man die Aufgaben von Pflegekräften nüchtern betrachtet, stehen auf der Liste Dinge wie Infusionen legen, Patienten waschen und Medikamente verabreichen. Doch die Realität, und das ist der entscheidende Punkt für alle, die diesen Beruf ergreifen wollen, ist eine viel längere Liste an anstrengender Emotionsarbeit: Patientinnen und Patienten beruhigen, Hände halten, Angehörige informieren, auch wenn jemand gestorben ist, und stets fürsorglich sein.

Einer der Hauptgründe, warum Pflegekräfte den Beruf verlassen, ist nicht die körperliche Anstrengung, sondern die Unfähigkeit, den eigenen hohen Ansprüchen an diese essenzielle Emotionsarbeit gerecht zu werden. Sie haben oft zu wenig Zeit, sich ausreichend zu kümmern, obwohl genau dieses Kümmern das ursprüngliche Motiv für die Berufswahl war.

In Krisenzeiten, wie etwa während einer Pandemie, wird diese Belastung noch extremer. Pflegefachpersonen hetzen von Krankenbett zu Krankenbett, um die Grundaufgaben zu erfüllen, müssen aber zusätzlich auf emotionaler Ebene die Besuche von Angehörigen und Freunden ersetzen, die aufgrund von Kontaktbeschränkungen nicht mehr kommen dürfen. In solchen Situationen ist Frust im Grunde Teil des Systems.

Die Kosten der emotionalen Maske

Der dauerhafte Einsatz von Emotionsarbeit kann auf Dauer extrem belastend sein. Wenn man bei der Arbeit ständig eine emotionale Maske trägt, riskiert man, den Bezug zu den eigenen, echten Gefühlen zu verlieren. Emotionen sind eigentlich physikalische Veränderungen im Körper, wie Herzrasen oder ein Kloß im Hals. Gefühle sind die Interpretation dieser Veränderungen, beispielsweise wird Herzrasen als Angst gedeutet. Wenn man diese Signale ständig unterdrücken muss, um nach außen hin freundlich und fürsorglich zu erscheinen, wie der Zugbegleiter, der Wut auf einen uneinsichtigen Passagier unterdrücken muss, kann dies zu einer Entfremdung von sich selbst führen.

Die Folgen sind weitreichend: Entweder man fühlt sich wie eine Schauspielerin oder ein Schauspieler, der etwas tut, was man nicht ist, und entfremdet sich, oder man wird zynisch, verliert die Freude am Job und den Glauben an dessen Sinnhaftigkeit. Gerade jene, die viel Herzblut in ihre sinnstiftende Arbeit stecken, laufen Gefahr auszubrennen. Eine Kellnerin berichtete von einem „Grinse-High” nach 14 Stunden Schichten, bei dem sie so sehr aufgesetzt lächeln musste, dass sie abends nicht ins Bett konnte, bis das Grinsen abgeklungen war, gefolgt von einem „Grinse-Kater” am nächsten Tag, gekennzeichnet durch Schmerzen und Ausgelaugtheit.

Bewältigungsstrategien: Pausen und Gemeinschaft

Was können angehende Pflegefachpersonen tun, um mit dieser unvermeidlichen Emotionsarbeit umzugehen? Hochschild betont, dass es zwar nur wenige Werkzeuge gibt, die einem zur Verfügung stehen, aber eines ist entscheidend: Pausen und Räume, in denen man die Emotionen ablegen kann. Dies sind Orte, an denen man einfach sein darf, wo man sich mit Kolleginnen und Kollegen über die Herausforderungen aufregen, lustig machen oder sich „auskotzen” darf. Im Krankenhaus wäre dies der Pausenraum der Pflegekräfte.

Diese gemeinsamen Räume sind essenziell, besonders da im Zuge der Digitalisierung, zum Beispiel durch Telemedizin, viele dieser physischen Treffpunkte verschwinden. Eine Studie begleitete Care Worker in der Telemedizin, die Patientinnen und Patienten von zu Hause aus berieten. Sie vermissten den gemeinsamen Raum und glichen diesen Mangel aus, indem sie digitale Kanäle wie WhatsApp-Gruppen nutzten, um sich regelmäßig über nervige oder emotionale Anrufe auszutauschen. Gerade in Zeiten von Home Office und digitaler Verlagerung der Tätigkeiten ist es wichtig, darauf zu achten, dass diese Ventil Räume nicht still und heimlich verschwinden.

Fazit: Mit Empathie und Verständnis ins Berufsleben

Das Wissen um das Konzept der Emotionsarbeit ist ein mächtiges Werkzeug, denn es macht etwas Unsichtbares sichtbar und ermöglicht es, die tatsächlichen Kosten der emotionalen Leistung zu hinterfragen. Für Sie als angehende Pflegefachperson bedeutet dies: Seien Sie sich bewusst, dass Ihr Arbeitgeber nicht nur Ihre körperliche und geistige, sondern auch Ihre emotionale Leistung managen wird. Das Händchenhalten, das Beruhigen und die Fürsorge sind keine „Extras”, sondern zentrale, anstrengende Teile der Arbeit, die entsprechende Anerkennung und Zeit benötigen.

Wenn Sie auf Menschen treffen, die Emotionsarbeit leisten, sei es eine Servicekraft oder eine Kollegin, begegnen Sie ihnen mit Verständnis und Empathie. Das Problem, das Frust auslöst, liegt oft im zugrunde liegenden System oder der Firma, nicht bei der Person am anderen Ende des Schreibtisches oder Bettes.

Indem Sie sich Pausenräume schaffen, den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen suchen und die Fähigkeit entwickeln, Ihre emotionale Maske im privaten Raum bewusst abzulegen, schützen Sie sich vor Entfremdung und Burnout. Die Pflege ist ein Beruf mit Herzblut; das Wissen um die Emotionsarbeit hilft Ihnen, dieses Herzblut langfristig zu bewahren.



Sind Sie bereit für eine Aufgabe mit echter Bedeutung?
Eine Karriere in der Pflege erfordert sowohl Fachwissen als auch emotionale Stärke. Das BNW bereitet Sie umfassend auf diese Herausforderungen vor und begleitet Sie auf Ihrem Weg zu einer qualifizierten und resilienten Pflegefachkraft.

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