Wenn die Hierarchie nicht mehr greift
Die Arbeitswelt hat sich gewandelt. Das klassische Bild der Führungskraft, die von oben herab Anweisungen gibt und deren Autorität allein auf ihrem Titel beruht, verblasst zusehends. In modernen, agilen und vernetzten Organisationen liegt das Wissen oft nicht mehr beim „Chef“ oder der „Chefin“, sondern bei den Fachexperten, in den Projektteams und an den Schnittstellen.
Hier entsteht ein Vakuum, das durch klassische Weisungsbefugnis nicht mehr gefüllt werden kann. An dieser Stelle tritt die Laterale Führung auf den Plan – das Führen von der Seite, ohne den „Chef-Titel“ auf der Visitenkarte. Es ist die Kunst, Menschen zu bewegen und Ergebnisse zu erzielen, basierend auf Kompetenz, Vertrauen und Überzeugungskraft statt auf Sanktionsmacht. Für Organisationen, die Agilität und Eigenverantwortung ernst nehmen, ist diese Fähigkeit keine Option mehr, sondern eine überlebenskritische Kernkompetenz.
Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie auch ohne disziplinarische Macht wirksam werden, welche „Währungen“ Sie dafür einsetzen können und warum echte Bitten oft mächtiger sind als Anweisungen.
Das Dilemma: Verantwortung ohne Macht
Das Kernproblem vieler Projektleitender, Product Owner oder Fachexpert:innen ist struktureller Natur: Sie tragen die volle „Lieferverantwortung“ für ein Ergebnis, haben aber keine „Personalhoheit“. Sie können niemanden anweisen, Überstunden zu machen, und Sie können keine Gehaltserhöhungen als Anreiz nutzen.
Die Matrix-Falle und agile Rollen
In Matrixorganisationen haben Mitarbeitende oft zwei Vorgesetzte: eine fachliche Leitung und eine disziplinarische Führungskraft in der Linie. Wenn es hart auf hart kommt, zieht die Linie oft die Ressourcen ab. Noch deutlicher wird dies in agilen Frameworks wie Scrum. Ein Product Owner verantwortet den wirtschaftlichen Erfolg, darf dem Team aber technisch nicht hineinreden. Ein Scrum Master führt als „Servant Leader“ ganz ohne Weisungsbefugnis.
In diesem Umfeld ist die Fähigkeit, informell Einfluss zu nehmen, Ihre wichtigste Ressource. Es geht nicht darum, wer den Titel hat, sondern wer in der Lage ist, Netzwerke zu mobilisieren und Menschen für ein Ziel zu gewinnen.
Die drei Säulen der Lateralen Führung
Um ohne Befehlsgewalt wirksam zu sein, müssen Sie drei Mechanismen aktiv gestalten, die in klassischen Hierarchien oft „von oben“ geregelt werden. Stefan Kühl vom Metaplan-Institut definiert diese als: Verständigung, Macht und Vertrauen.
Verständigung: Bauen Sie Brücken im Kopf
Verständigung bedeutet hier mehr als nur „nett miteinander reden“. Es geht um die Herstellung von Anschlussfähigkeit zwischen unterschiedlichen Denkweisen.
Ein Ingenieur denkt in technischer Machbarkeit, eine Marketing-Managerin in „Time-to-Market“. Wenn Sie versuchen, diese Welten mit einem „Machtwort“ zu einen, scheitern Sie. Ihre Aufgabe ist die Übersetzungsleistung.
- Die Strategie: Statt zu fordern „Das Marketing will das so“, erklären Sie die Zwänge: „Wenn wir dieses Feature nicht bis Mai haben, gefährden wir das Budget, das wir für die technische Weiterentwicklung im Herbst brauchen.“ Sie schaffen einen gemeinsamen Denkrahmen, in dem Kooperation für beide Seiten logisch wird.
Macht: Nutzen Sie die „graue Energie“
In New-Work-Kontexten ist der Begriff „Macht“ oft verpönt. Doch Macht ist in jeder Beziehung präsent – in der lateralen Führung definiert sie sich als Kontrolle über Ungewissheitszonen.
Wer Informationen hat, die andere brauchen, hat Macht. Wer Zugang zu Entscheidern hat, hat Macht. Wer Fachexpertise besitzt, hat Macht.
Ignorieren Sie Machtspiele nicht. Wenn Kolleg:innen „Ja“ sagen, aber nichts tun (passiver Widerstand), ist das ein Machtspiel. Ihre Antwort darauf sollte nicht Druck sein (den Sie oft nicht haben), sondern die Nutzung eigener Machtquellen, etwa durch Vernetzung oder Expertenwissen.
Vertrauen: Die Währung der Geschwindigkeit
Wenn Sie nicht befehlen können und jede Aushandlung Zeit kostet, ist Vertrauen der Effizienz-Booster. Vertrauen reduziert Komplexität. Wenn Ihr Team Ihnen vertraut, hinterfragt es nicht jede Entscheidung.
Aber Vorsicht: Vertrauen in lateralen Beziehungen ist prekär. Es kann nicht verordnet werden. Es entsteht durch Vorleistung (Sie vertrauen zuerst) und Reziprozität (Gegenseitigkeit). Ein einziger Vertrauensbruch, etwa das Nutzen vertraulicher Infos für Politik, kann Ihre Einflussbasis dauerhaft zerstören.
Psychologie des Einflusses: Warum man Ihnen folgen sollte
Da Sie weder strafen (Kündigung) noch formal belohnen (Gehalt) können, fallen die klassischen Machtbasen weg. Worauf stützen Sie Ihre Autorität?
Expert Power und Referent Power
Nach den Sozialpsychologen French & Raven bleiben Ihnen vor allem zwei Quellen:
- Expert Power (Expertenmacht): Sie werden respektiert, weil Sie fachlich brillant sind oder das Projekt besser verstehen als alle anderen. Aber Vorsicht: Wer nur auf Expertentum setzt, wirkt schnell arrogant oder wird zum „Flaschenhals“.
- Referent Power (Identifikationsmacht): Das ist der „Heilige Gral“. Menschen folgen Ihnen, weil sie Sie als Person schätzen, Ihnen vertrauen und sich mit Ihren Werten identifizieren. Diese „natürliche Autorität“ ist immun gegen organisatorische Veränderungen. Sie müssen diese Beziehungskonten lange füllen, um im Krisenfall davon abheben zu können.
Die Gefahr der Reaktanz
Jeder Versuch, Menschen zu etwas zu drängen, erzeugt Reaktanz – den Widerstand gegen den Verlust von Autonomie. Besonders gegenüber Kolleg:innen auf gleicher Ebene („Du hast mir gar nichts zu sagen!“) ist der Befehlston toxisch. Psychologisch kluge Führung nutzt daher konsequent die Bitte und die Frage, um die Autonomie des Gegenübers zu wahren (dazu gleich mehr).
Handeln wie auf einem Basar: Das Cohen-Bradford-Modell
Allan Cohen und David Bradford betrachten Organisationen als Marktplätze. Auch ohne Geld finden hier ständige Tauschgeschäfte statt. Um Einfluss zu nehmen, müssen Sie wissen, was Ihr Gegenüber braucht, und ihm dies im Tausch gegen Unterstützung anbieten. Das Modell „Influence Without Authority“ kennt fünf zentrale Währungen:
- Inspiration (Sinn & Vision): Manche Menschen erreichen Sie, indem Sie ihnen zeigen, dass ihre Arbeit einen höheren Sinn hat („Wir retten damit Leben“ oder „Wir bauen das beste Produkt am Markt“).
- Aufgabe (Ressourcen & Hilfe): Bieten Sie konkrete Unterstützung an. Können Sie dem Kollegen lästige Admin-Arbeit abnehmen? Haben Sie Budget für ein Tool, das er braucht? Oder Expertenwissen, das ihm fehlt?
- Position (Anerkennung & Sichtbarkeit): „Wenn du diese Analyse machst, sorge ich dafür, dass du sie im Lenkungsausschuss vor dem Vorstand präsentieren kannst.“ Das ist Gold wert für jemanden, der Karriere machen will.
- Beziehung (Verständnis & Support): Einfaches Zuhören, emotionale Unterstützung oder Rückendeckung in schwierigen Situationen. Das schafft Loyalität.
- Persönliches (Autonomie & Sicherheit): Lassen Sie dem Experten freie Hand bei der Lösung (Autonomie) oder geben Sie einem unsicheren Kollegen Sicherheit durch klare Strukturen.
Der Prozess: Analysieren Sie bei Widerstand immer: In welcher Währung „bezahlt“ mein Gegenüber? Wenn Sie jemandem Visionen verkaufen, der eigentlich nur Sicherheit will, kommen Sie nicht ins Geschäft. Tauschen Sie passgenau.
Die Werkzeuge der Sprache: Fragen und Bitten
Da die „harte Macht“ fehlt, ist Sprache Ihr schärfstes Schwert.
Humble Inquiry: Die Kunst des ehrlichen Fragens
Edgar Schein beschreibt mit Humble Inquiry (Demütiges Fragen) eine Haltung, die für laterale Führung essenziell ist. Statt Antworten vorzugeben (was oft übergriffig wirkt), stellen Sie Fragen, auf die Sie die Antwort noch nicht kennen.
- Statt: „Haben wir den Zeitplan im Griff?“ (Kontrollfrage)
- Humble: „Was sind aus Ihrer Sicht gerade die größten Risiken für unseren Termin? Was sehen Sie, das ich übersehe?“Damit signalisieren Sie Respekt vor der Expertise des anderen und bauen Beziehung auf. Sie machen sich verletzlich („Ich weiß es nicht“), was paradoxerweise das Vertrauen in Ihre Führung stärkt.
Die Anatomie einer wirksamen Bitte
Wie in diesem Artikel beschrieben, ist der Unterschied zwischen einem vagen Wunsch und einer echten Bitte entscheidend.
- Vager Wunsch: „Wir müssten mal pünktlicher sein.“ (Führt zu Verantwortungsdiffusion).
- Befehl: „Sei pünktlich!“ (Führt zu Reaktanz/Widerstand).
- Die professionelle Bitte: Sie ist konkret, adressiert und lässt Autonomie.
- Struktur: Beobachtung + Bedürfnis/Grund + Konkrete Handlung + Freiwilligkeit.
- Beispiel: „Ich habe gesehen, dass wir die letzten drei Male überzogen haben (Beobachtung). Mir ist wichtig, dass wir effizient durchkommen, weil wir alle volle Kalender haben (Grund). Wären Sie bereit, heute den Timekeeper zu machen und uns 5 Min. vor Schluss ein Signal zu geben? (Handlung).“
Das Entscheidende: Ein „Nein“ muss akzeptiert werden. Wenn Sie ein Nein sanktionieren (z.B. durch passiv-aggressives Verhalten), war es keine Bitte, sondern ein getarnter Befehl. Das zerstört Vertrauen.
Typische Szenarien und Lösungen
Der Projektleiter in der Matrix
Sie brauchen Ressourcen, aber der Linienmanager blockiert.
- Lösung: Suchen Sie die Interessen hinter der Position. Warum blockiert er? Hat er Angst, seine Ziele zu verfehlen? Nutzen Sie das Cohen-Bradford-Modell. Bieten Sie ihm Planungssicherheit oder Ausbildung seiner Mitarbeitenden im Projekt als „Währung“ an. Klären Sie Eskalationswege vor der Krise, nicht erst mittendrin.
Der Product Owner (Agile)
Stakeholder fordern Features, das Team ist am Limit.
- Lösung: Machen Sie Konflikte transparent, statt sie einfach „durchzureichen“. Nutzen Sie Ihre Expert Power über das Produkt und den Markt, um „Nein“ zu sagen. Erklären Sie das „Warum“ (Produktvision) und die Kosten der Anforderung („Wenn A reinkommt, fliegt B raus“). Schützen Sie das Team, um dessen Vertrauen (Referent Power) zu sichern.
Fachführung ohne Titel
Sie sollen ein Thema vorantreiben, haben aber keine Rolle.
- Lösung: Bauen Sie Koalitionen. Suchen Sie sich Verbündete, die formale Macht haben (Sponsoren), und leihen Sie sich deren Autorität („Im Auftrag von…“), aber nutzen Sie dies sparsam. Setzen Sie primär auf Ihre inhaltliche Kompetenz und den Aufbau eines Netzwerks (Sozialkapital).
Praxis-Toolbox für den Alltag
Wie starten Sie morgen?
- Stakeholder-Map erstellen: Zeichnen Sie eine Karte Ihres politischen Umfelds. Wer hat viel Einfluss und Interesse (Key Player)? Wer hat viel Einfluss, aber wenig Interesse (Gefahrenquelle)? Managen Sie diese Beziehungen proaktiv, nicht erst bei Problemen.
- Das Beziehungskonto füllen: Gehen Sie in Vorleistung. Helfen Sie Kolleg:innen, teilen Sie Wissen, hören Sie zu. Bauen Sie ein Guthaben an Trust Currency auf. In der Krise werden Sie dieses Guthaben brauchen.
- Klarheit in der Rolle: Kommunizieren Sie transparent, was Sie tun können und was nicht. Nichts erzeugt mehr Unsicherheit als eine diffuse Führungsrolle. Klären Sie das Mandat.
Diplomat:in und Händler:in in einer Person
Führen ohne Chef-Titel ist keine „Führung zweiter Klasse“. Es ist die Königsdisziplin der modernen Zusammenarbeit. Sie erfordert mehr Geschick als das Führen per Anweisung. Die laterale Führungskraft ist Diplomat:in (Verständigung), Händler:in (Währungstausch) und Psycholog:in (Bedürfnisse erkennen) in einer Person.
Wer diese Kunst beherrscht, braucht keinen Titel, um wirksam zu sein. Ihre Autorität wird Ihnen von Ihren Kolleg:innen und Stakeholdern freiwillig verliehen – und das ist die stärkste Form der Legitimation, die es gibt.
Weiterführende Angebote des BNW:
Um diese Kompetenzen zu vertiefen, bietet das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft spezifische Trainings an:
- Laterale Führung: Strategien und Werkzeuge für Führung ohne Weisungsbefugnis
- Kommunikation: Konfliktmanagement für Führungskräfte
- Projektmanagement: Die neue Agile Führung