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Wenn das Meeting scheitert: Warum wir in Stressmomenten Schuldige suchen

Es ist Montagmorgen. Das Team sitzt im Besprechungsraum, die Deadline ist längst überschritten und plötzlich funktioniert der Projektor nicht. Sekunden später kommt die erste Stimme: „Wer hat das Ding zuletzt benutzt?”

Ein klassischer Moment: Noch bevor jemand nach einer Lösung sucht, beginnt die Jagd nach der oder dem Schuldigen. Wir alle haben solche Szenen schon erlebt. Aber warum ist dieser Reflex so tief in uns verankert und was bedeutet er für Teams?

Das Bedürfnis nach Ordnung im Chaos

Die Psychologie erklärt dieses Verhalten mit der Attributionstheorie. Menschen haben ein starkes Bedürfnis, Ereignisse zu verstehen und Beobachtbares auf Ursachen zurückzuführen. Besonders dann wenn etwas schiefgeht, wollen wir Ursachen finden.

Fritz Heider legte bereits 1958 mit seinem Hauptwerk “The psychology of interpersonal relations” die Grundlage aller Attributionstheorien, indem er als Erster zwischen internen und externen Attributionen unterschied:

  • Interne Attribution: Wir suchen den Grund bei Personen („Die Kollegin hat’s falsch gemacht”).
  • Externe Attribution: Wir erklären es durch Umstände („Die Technik war unzuverlässig”).


Gerade in stressigen Situationen tendieren wir zur internen Attribution. Schuld einer Person zu geben, macht das Chaos greifbarer. Das Unklare bekommt einen Namen – und wir haben das Gefühl, wieder Kontrolle zu gewinnen.

Stressregulation durch Schuldzuweisung

Dass dieser Mechanismus funktioniert, zeigen Forschungen zur Stress- und Coping-Theorie von Lazarus und Folkman (1984). Nach ihrem transaktionalen Modell bestimmt die Art, wie eine Person Situationen bewertet, sowohl Stressreaktionen als auch Bewältigungsstrategien.

Schuldzuweisungen entlasten uns kurzfristig psychologisch:

  • sie schützen unser Selbstbild: Wir selbst sind nicht schuld.
  • sie senken den inneren Druck: Der Stress wird auf eine andere Person verlagert.
  • sie geben Orientierung: Eine klare Ursache wirkt weniger bedrohlich als reines Chaos.


Kurz gesagt: Schuldzuweisungen sind ein Ventil, um akute Anspannung abzubauen.

Die Schattenseite: Blame Culture

Doch diese kurzfristige Entlastung kann eine gefährliche Dynamik anstoßen. In der Organisationspsychologie spricht man von Blame Culture, also einer Kultur der Schuldzuweisungen.

Forschung von Amy Edmondson zeigt: In solchen Umfeldern fehlt es an psychologischer Sicherheit. Diesen Begriff prägte sie in den 1990er Jahren, um Arbeitsumgebungen zu beschreiben, in denen Offenheit erwartet wird und Mitarbeiter:innen sich äußern können, ohne Vergeltung zu befürchten.

Psychologische Sicherheit beschreibt die gemeinsame Überzeugung der Teammitglieder, dass es sicher ist, sich zu äußern, Unsicherheiten zu zeigen und um Hilfe zu bitten.

Fehlt diese Sicherheit, passiert Folgendes:

  • Menschen halten Informationen zurück, um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten.
  • Energie fließt in Abwehr und Rechtfertigung statt in Lösungen.
  • Strukturelle Ursachen wie unrealistische Deadlines oder fehlende Ressourcen bleiben unsichtbar und wiederholen sich.


So wird die Schuldzuweisung, die im Moment entlastet, langfristig zu einer echten Blockade für Zusammenarbeit und Innovation.

Vom Schuldigen zur Lösung: Praktische Ansätze

Der Schlüssel liegt in einem Perspektivwechsel: Weg von der Frage „Wer ist schuld?” und hin zu „Was können wir daraus lernen?”. Hier sind konkrete Methoden:

Die 5-Why-Methode

Statt nach Schuldigen zu suchen, fragen Sie fünfmal „Warum?”, um zur Grundursache zu gelangen:

  • Warum funktionierte der Projektor nicht?
  • Warum wurde das Problem nicht vorher erkannt?
  • Warum gibt es keinen Wartungsplan?
  • Warum wurde dieser nie erstellt?
  • Warum fehlen klare Verantwortlichkeiten für technische Ausstattung?


After Action Reviews (AAR)

Strukturierte Nachbesprechungen fokussieren auf vier Fragen:

  • Was sollte passieren?
  • Was ist tatsächlich passiert?
  • Warum gab es Unterschiede?
  • Was können wir daraus lernen?


Blameless Post-Mortems

Ursprünglich aus der IT stammend, aber auf alle Bereiche übertragbar:

  • Fokus auf Systemversagen statt individueller Schuld
  • Chronologische Rekonstruktion von Ereignissen
  • Identifikation von Verbesserungsmaßnahmen
  • Dokumentation für künftige Situationen


Psychologische Sicherheit fördern

  • Modellverhalten zeigen: Als Führungskraft eigene Fehler zugeben
  • Neugier vor Tadel: „Das ist interessant, erzähl mir mehr” statt „Warum hast du das gemacht?”
  • Lernen belohnen: Erkenntnisse aus Fehlern würdigen
  • Proaktives Nachfragen: „Was könnte noch schiefgehen?” in Planungen integrieren


Teams, die diesen Weg gehen, schaffen psychologische Sicherheit. Und genau die ist eine der wichtigsten Grundlagen für Resilienz, Innovation und nachhaltigen Erfolg.

Fazit

Menschen kommen in stressigen Situationen oft besser zurecht, wenn sie Schuldige finden. Das ist ein tief verwurzelter psychologischer Mechanismus, der unser Selbstbild schützt und Stress abbaut.

Doch wer bei der Schuld stehenbleibt, gerät schnell in eine Blame Culture, und die bremst Entwicklung, Lernen und Vertrauen. Nachhaltiger ist es, systematisch nach Ursachen und Lösungen zu fragen und eine Kultur zu fördern, in der Fehler Lernchancen sind.



Literatur

  • Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350-383
  • Heider, F. (1958). The psychology of interpersonal relations. New York: Wiley
  • Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. New York: Springer
  • Weiner, B. (1986). An attributional theory of motivation and emotion. New York: Springer-Verlag

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